Roter Wedding

Erich Weinert & Hanns Eisler – Roter Wedding (ca. 1930)

https://www.youtube.com/watch?v=zr30Zycil_4

Klaus Neukrantz: Barrikaden im Wedding

Gewidmet dem unauslöschlichen revolutionären Andenken der 33 von der Polizei in den Maitagen 1929 in Berlin Erschossenen

I. 125 Zentner Beton

Nettelbeckplatz… !“
Der junge Mensch sah verwirrt hoch und blinzelte mit verschlafenen Augen durch die Glasscheiben des Straßenbahnwagens.
Ihre Zeitung, Herr… “, erinnerte ihn eine Frau und zeigte auf den Boden. Er bückte sich und schob die Zeitung in die Tasche — dann war er draußen.
Auf dem nassen, schmutzigen Asphalt spiegelten sich die gelben Lichter der Gaslaternen. Der unangenehme, feuchte Wind machte ihn munter. Aus dem Restaurant an der Haltestelle tönte Radiomusik. Er fror. Einen Mantel müsste man haben, dachte er und schlug den dünnen Rockkragen hoch. Er spuckte aus, steckte die Hände in die Hosentaschen und ging langsam über den Platz nach Hause.
Von der Pankstraße bog er in die kleine, halbdunkle Gasse ein, in der er wohnte. Die ärmlichen Läden waren schon geschlossen. Nur aus den Kneipen fielen schmale, trübe Lichtstreifen auf die menschenleere Straße, die von einzelnen Gaslaternen nur notdürftig beleuchtet war. Hinter den meist gardinenlosen Fenstern der höhen, dunklen Häuserreihen brannte hier und da das dünne, ärmliche Licht von Petroleumlampen. Aus einem offenen Kellerfenster drang der warme Dunst vom Wäschekochen. Wenige Häuser weiter war er zu Hause.
Vor der Haustür standen ein paar Weiber. Er antwortete nur kurz auf ihren Gruß und verschwand in dem dunklen Flur. Erst als er auf dem Hof das erleuchtete Küchenfenster seiner Wohnung sah, blieb er einen Moment stehen. Na ja… , Anna war zu Hause, dachte er und wischte sich wie erleichtert über das müde Gesicht. Das war jeden Abend so, wenn er nach Hause kam und über den Hof ging. Er freute sich über das helle Fenster. Weiter nichts
In dem engen Treppenflur tastete er die paar Stufen hoch und schloss auf.
„Tach, Anna.“
„Tach, Kurt.“
Er hing die Mütze auf den Türhaken und ließ sich auf den Küchenstuhl fallen. Der junge Betonträger Kurt Zimmermann war zu Hause.
In der Küche war neben dem Herd gerade soviel Platz, dass zwei am Tisch sitzen konnten. Kurt schob die Ellenbogen auf die Platte und sah zu, wie Anna mit den Töpfen rumfuhrwerkte. Zum Erzählen war er zu müde, aber es machte ihm Spaß, still da zu sitzen und sie zu beobachten. So leicht und schnell ging ihr alles von der Hand.
Langsam kroch die Herdwärme in seine feuchte Kleidung. Es roch gut nach Fett und Zwiebeln. Ihm fiel ein, dass er schon seit Tagen versprochen hatte, mit ihr ins Kino zu gehen. Sollte man heute vielleicht tun, dachte er schläfrig. Machte Anna Spaß — wenn einem bloß die Knochen nicht so weh tun würden — der Polier wird immer verrückter — morgen müssen die Betonsäcke noch ein Stock höher geschleppt werden-----------.
Die Augen fallen ganz von alleine zu.
„So, Junge, nu‘ iss man… Kurt! Du schläfst ja schon?!“
Sie schob den Teller hin und packte ihn an die Schulter. Er hob sein Gesicht und strich sich verschlafen über den Kopf. Jetzt merkte sie erst, wie blass und müde er wieder aussah Seitdem er die Arbeit draußen in Lichtenberg auf dem Bau hatte, kam er jeden Abend ganz kaputt zurück. Über ein halbes Jahr war er ohne Arbeit gewesen und vertrug das Tempo, das sie da hatten, einfach nicht mehr.
„Nee nee… “, lächelte er müde, „ich hab nich geschlafen “ Er fing an zu essen. Anna setzte sich an die Querseite des Tisches und sah zu. Sie lachte leise. Der Löffel verschwand beinahe in seiner breiten, schweren Hand. Wenn er müde war, kam seine tollpatschige Schwerfälligkeit noch mehr zum Ausdruck, dabei war er gutmütig wie ein Kind. Nur in einem einzigen Punkt konnte er saugrob werden, und sie hütete sich, ihm nicht Öfter als unvermeidlich ihre persönliche Meinung darüber zu sagen. Schließlich hatte sie es ja vorher gewusst, als sie vor zwei Jahren heirateten, dass Kurt in der Arbeiterbewegung war und jede freie Minute dafür hergab Da war einfach nicht mit ihm zu reden. Wenn Sitzung war oder es sonst was zu tun gab, dann konnte er eher umfallen vor Müdigkeit, er musste bis in die späte Nacht unterwegs sein, und dann früh um halb sechs wieder raus. Als wenn es nicht genug arbeitslose Kollegen gäbe, die ausschlafen können! Was nützt das schließlich alles, wenn das bisschen Gesundheit auch noch zum Teufel geht? Sie verlangte sonst wirklich nicht viel von ihm. Sie war eine Arbeiterfrau und wusste schon, wie kurz die Decke war, unter der sie sich strecken mussten.
Vielleicht wollte er heute auch noch mal weg?! Vorsichtig fing sie an: „Du… Kurt? Musst du nachher noch fort?“
„Nee, Anneken, heute geht’s gleich in de Klappe!… Det heißt,“ er sah sie etwas unsicher an, ..woll‘n wa nich noch in Kintopp geh‘n, Anna? Du wolls‘t doch immer?“
„Junge, du pennst ja doch bloß dabei ein,“ antwortete sie lachend, aber sie freute sich über seine trage. Sein Protest war nicht sehr überzeugend. — Sie gingen nicht immer so rücksichtsvoll miteinander um, wahrhaftig nicht. Anna sorgte sich ernstlich um ihn, weil sie sah, wie ihn die schwere Arbeit herkriegte. Das glich sich dann gelegentlich wieder aus, wenn sie ihren eigenen Kopf durchsetzte.
Vor ihrer Heirat hatte Anna lange in der Fabrik gearbeitet, das weiche, damals noch etwas verträumte Mädchen war in eine harte Schule gekommen. Anna kannte heute das Leben.
Er schob den Teller zurück und gähnte: „Has‘te noch ’nen Schluck Kaffee?“
„Morgen, Kurt, geh‘ jetzt schlafen, um halb sechs is de Nacht rum.“
Er stand auf und reckte sich. Ach, es war schon ein Hundeleben! Arbeiten, fressen, schlafen. Nur gut, dass heute mal kein« Sitzung war. Den Jungen bekam er auch nur noch nachts zu sehen.
Langsam fing er an, sich auszuziehen.
„Anna, morgen muss ick die alte Strickjacke wieder anziehen. Kiek ma, die is schon wieder an de Schultern kaputt.“
Er warf die Kleider auf den Stuhl, alte, x-mal gestopfte und geflickte Sachen. Anna räumte noch schnell die Küche auf.
Mit nackten Füßen tappte er durch den engen Flur in das kalte Schlafzimmer, der einzige Raum, den die kleine Wohnung außer der Küche hatte.
Auf dem Stuhl vor seinem Bett brannte eine Kerze. Viel gab es hier nicht zu beleuchten. Nicht einmal richtige Fenstervorhänge hatten sie sich bisher kaufen können. Jeden Abend nahm Anna die rote, alte Bettdecke und hing sie vor das Fenster. In dem Bett seiner Frau schlief der Junge,
Kurt fror im Bett. Das Bettzeug roch feucht und muffig, wie die ganze Wohnung, an deren Wände ständig große, nasse Flecke waren.
Die Schultern, auf denen er lag, schmerzten durch den geringen Druck ihres eigenen Gewichts. — Eine Schufterei war es heute wieder gewesen… 125 Zentner Beton hatte er die Treppen herauf in den Bau geschleppt… nur nicht krank werden… dann ist man die Arbeit los , , . nächsten Mittwoch wird nicht gearbeitet… gut so… morgen ist Sitzung… wenn die bloß oben mit der verrückten Radiomusik aufhören würden…
Anna zog sorgfältig den Wecker auf und stellte ihn auf den Stuhl.
Noch einmal tastete sich sein Bewusstsein an die Oberfläche zurück, als er spürte, wie Anna sich mit einem leisen Druck gegen sein Gesicht über ihn beugte, um mit der Hand das Licht neben ihm zu löschen.
Er fühlte, dass ihre Haut welch und warm war…
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