Im Humboldthain wird abgeholzt

In der Wochenendausgabe von die junge Welt schreibt Gisela Sonnenburg eine vergleichende Parkbeschreibung und kritisiert die vorgenommen Abholzungen im Weddinger Humboldthain:

Abgeholztes Grün

…“Eine solche lebendige Sensation hat kein Park in Berlin zu bieten. Aber der Volkspark Humboldthain, dessen Baubeginn auf den 100. Geburtstag von Alexander von Humboldt fiel – also auf den 14. September 1869 – brilliert mit anderen Seltsamkeiten, auch im Winter. Allerdings sind es eher traurige Nachrichten, die von diesem Park überbracht werden. Denn hier herrscht eine regelrechte Abholzungsmanie des zuständigen Bezirksamts, das seit Jahren für immer mehr große Löcher im grünen Gefüge sorgt.

Früher, also um 1900, gab es hier noch Gewächshäuser, einen malerischen Teich und eine Kapelle, die »Himmelfahrtskirche«. All das ist verschwunden. Heute gibt es noch die Reste eines Hochbunkers zu bestaunen, den die Nazis 1941/42 als Flakturm anlegten. Mit Kletterseilen wird hier – auch im Winter – von Sportlichen die Steilwand erklommen, während der Rest der Erholungswilligen die Serpentinen der Wanderwege nutzt, um zur Plattform zu gelangen. Unterhalb des von Bäumen und Büschen bewucherten Gemäuers ranken sich Glyzinien um eine weitläufig angelegte Pergola. Sie begrenzen den dort verschwiegen liegenden Rosengarten. Viele Rosenarten werden im Frühling, Sommer und Herbst dort gehegt und gepflegt: in Beeten, als Stämme, an Spalieren. Im Winter vermisst man den Duft, der zur Saison den Rosengarten erfüllt. In den Wintermonaten ist er auch gar nicht geöffnet.

Schlimm sieht jetzt allerdings die äußere Umrandung des Rosengartens aus. Das Bezirksamt Mitte von Berlin trägt einen hochtrabenden Titel, aber um seine Gartendenkmäler – und der Humboldthain ist ein solches – kümmert es sich weniger als notdürftig. Kürzlich holzten Gartenbaukräfte den unteren Teil der Busch- und Baumumrandung des Rosengartens einfach ab. Unsachgemäßer Rückschnitt verunstaltet und tötet nun die Pflanzen. Rhododendron und Hainbuchen sollten hier als Sicht- und Schallschutz für den Rosengarten dienen. Jetzt stehen sie um ihren Bewuchs beraubt da. Der Wind fährt durch sie hindurch und wird sie austrocknen.

Auf der anderen Seite hinter dem Rosengarten wurden intakte Bäume gefällt – reihenweise. Das wird gut bezahlt. Den tatsächlichen Preis zahlen die Insekten und andere Tiere, denen jetzt der Lebensraum fehlt. Auf der anderen Seite des Weges wurde das Gehölz ausgedünnt und das Areal wird nun als Toilette benutzt. Angepflanzt wurde hier schon seit über einem Jahrzehnt nichts mehr. Nur noch abgeholzt. Keine Hecke verhindert mehr das Einsteigen in den Rosengarten über den niedrigen Zaun.

Wer die Vögel und Eichhörnchen dort mit Nüssen, Samen und Rosinen füttern will, hat es dadurch leichter als früher. Aber für die Tiere selbst muss die Abholzung ein Schock gewesen sein. Sie forderte auch manches Leben kleiner Kreaturen. Denn ohne Dickicht können Amseln, Eichelhäher und Meisen nicht existieren. Und der Plastikmüll, den menschliche Parkbenutzer zurücklassen, wird zwar ab und an eingesammelt. Aber gründlich ist die Säuberung nicht: Wer genau hinschaut, entdeckt am Waldboden verrostende Dosendeckel und ausgelaufene Batterien. So etwas würde es im Englischen Garten in München nicht geben.

Die bayerische Hauptstadt ist bekannt für zur Schau gestellte Reinlichkeit. Gehsteige und Straßen im Zentrum sind oft wie geleckt, so sauber. Auch im Englischen Garten, dem Prunkstück zentral gelegener großstädtischer Natur, wird aufgeräumt. Sogar die Sitzbänke sind intakt – und nicht wie im Berliner Tiergarten so verkommen, dass man Splitter im Gesäß riskiert. Für die ist übrigens auch der Bezirk zuständig….“


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