Otto Nagel zum 125.

Am Geburtsort des kommunistischen Malers, Otto Nagel, hat die DKP Wedding eine rote Nelke und eine Geburtstagskarte angebracht.
Der im Berliner Wedding (Reinickendorfer Straße 67) geborene Arbeitersohn, der früh in der Arbeiterjugend aktiv wurde, war nicht nur zu Lebzeiten „DER“ Weddinger Maler. Als KPD-Mitglied überlebte er KZ-Haft und Verfolgung und engagierte sich nach 1945 am Aufbau der DDR.
Darin darf sicher auch der Grund gesucht werden, dass zum 125. von Otto Nagel nicht eine einzige Ausstellung zu seinen Ehren in Berlin stattfindet.
Die schmucklose Gedenktafel mit unpassenden Gas- und Wasser-Schildern darunter runden den kulturlosen Gesamteindruck ab.

UPDATE 28.09.2019: Nagel-Ausstellung vom 21. Mai bis zum 4. August 2020 im Schloss Biesdorf (Berlin)!

Peter Michel in jW über Otto Nagel:

Dem proletarischen Maler Otto Nagel zum 125. Geburtstag
Von Peter Michel

Dieses Leben war einmalig. Es reichte vom Deutschen Kaiserreich bis ins zweite Jahrzehnt der DDR. Einen Künstler zu ehren, der aus dem Proletariat kam und in die Klassenkämpfe seiner Zeit eingebunden war, der solidarisch dachte und handelte und seine Umwelt schonungslos ehrlich – also realistisch – in die Werke holte, das steht uns gut an. Zu Otto Nagels bekanntesten Werken gehören die Gemälde und Zeichnungen aus dem Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre, darunter die »Parkbank am Wedding«, sein »Jungkommunist« aus dem Mehrtafelbild einer Weddinger Familie und der »Waldarbeiter Scharf«. Auch seine Selbstbildnisse weisen auf den engen Zusammenhang seiner Biographie mit den geschichtlichen Umwälzungen hin.
Selbstbildnis mit Hut

Walli Nagel beschrieb in ihrem Buch »Das darfst du nicht!« die »goldenen zwanziger Jahre« als eine Zeit voller Entbehrungen und Kampf.¹ Sie und ihr Mann Otto hatten noch keine eigene Wohnung, lebten bei Nagels Mutter: in einem Zimmer mit Küche und Aussicht auf einen grauen Hof. In dieser engen Wohnung entstand 1920 das erste Selbstbildnis. Otto Nagel war damals in die KPD eingetreten und noch Transportarbeiter bei der Firma Bergmann in Berlin. Mit forschendem Blick schaut er in einen Spiegel, vor sich die mit einer Schräge angedeutete Staffelei, daneben ein Kasten mit einer Flasche Öl. Dicht an den Betrachter herangerückt, befragt der Maler nicht nur sich selbst, sondern sucht zugleich mit diesem den Dialog. Die Augen richten sich fragend auch auf ihn, der das Milieu in der Beengtheit dieses kleinen Raumes erfasst. Die Dielenbretter sind breit, Betten, Schrank, Stuhl und Kachelofen sind alt. Das Interieur könnte als Rückzugsort gedeutet werden. Doch der Ausdruck des hageren Gesichts verrät geistige Anspannung. Die kühlen Farben und die Klarheit der Konturen weisen auf mehr hin: Das ist kein idyllisches Repräsentationsporträt; hier werden die Härte der proletarischen Existenz und ein starker Lebenswille gezeigt. Darstellungen von Arbeitern gab es in der deutschen Kunst schon zuvor, etwa bei Adolf Menzel (1815–1905). Hier aber tritt wohl erstmals ein Arbeiter selbstbewusst als Künstler auf. Auch das macht dieses Bild so einmalig.
Im »Tausendjährigen Reich«

Mehrere Selbstbildnisse entstanden auch in den zwölf Jahren des deutschen Faschismus. In einem Selbstporträt von 1933 scheint er sich nachdenklich selbst zu befragen. Zwar blickt er wieder ein wenig zweiflerisch auf den Betrachter, doch er sitzt bewegungslos vor seiner Staffelei. Die Hände ruhen im Schoß. Wenig später jedoch überwindet er in einem »Selbstbildnis mit Palette« (1933/34) diese scheinbare Ruhe. Er rückt den Betrachter näher an sich heran, hält die Palette leicht nach oben und setzt mit dem Pinsel Farbe auf die Leinwand. Blick und Körperhaltung sind aktiv; er will den Zuschauer mitreißen – eine Auflehnungsgebärde in jenem Jahr, als ihn das Malverbot der Faschisten erreichte. Aber er ließ sich das Malen nicht verbieten. 1935 hatte er eine illegale Malschule gegründet und malte sich wieder selbst, diesmal nicht im Halbprofil, sondern en face. Der Kopf ist in die rechte Hand gestützt, die linke greift an die Hüfte über dem Standbein. Das rechte Bein ist erhoben, steht offenbar auf einem Hocker, als wollte der Maler auf den Betrachter zugehen und ihm Fragen stellen. Die Malutensilien sind unbenutzt; ein Hinweis auf das Malverbot. Auf einem Gemälde von 1936 steht er aufrecht, scheinbar untätig in seinem Atelier vor einer leeren Leinwand, der Blick ratlos, eine Hand in der Hosentasche, die andere hält eine Zigarre.

Besonders eindringlich ist ein Pastell auf graubraunem Papier, das Otto Nagel unmittelbar nach seiner Entlassung aus dem berüchtigten Konzentrationslager Sachsenhausen 1937 malte. Seine Frau Walli hatte sich unter Lebensgefahr bei einem Oberstandartenführer für ihn eingesetzt. Als Otto Nagel zu Hause eintraf, hatte er vorn keine Zähne mehr, die Haare und der Schnurrbart waren geschoren, er hatte stark abgenommen. Sein Kopf zeigt die Entbehrungen und Qualen der Haft, doch die Augen blicken voller Zorn.
Mit rotem Schal

Nach der Befreiung vom Faschismus begannen für Nagel ungeheure Anstrengungen beim Aufbau einer neuen, antifaschistisch-demokratischen Ordnung. Seine Gesundheit war angegriffen, doch er schonte sich nicht. In seinem »Selbstbildnis mit rotem Schal« von 1949 begegnet uns eine neue Persönlichkeit: Er malt sich als Künstler, der von sozialer Bedrückung und politischer Verfolgung befreit ist. Ein Interieur ist nicht zu sehen; der Hintergrund zerfließt wie ein impressionistisch gestalteter Vorhang. Alles konzentriert sich auf das im strengen Profil gegebene Bildnis eines Künstlers bei der Arbeit, das sich hart, beinahe plastisch vom weichen Hintergrund abhebt. Der rote Schal betont das nun mögliche emanzipierte Künstlertum, das sich frei entfalten kann. Dennoch sind in die Physiognomie die Spuren der Vergangenheit eingegraben. Dieses Bild steht am Anfang einer ganzen Reihe anderer Porträts. Otto Nagel malte in dieser Zeit den Schriftsteller Bernhard Kellermann, den Pädagogen und Politiker Fritz Rücker, den Bergmann Adolf Hennecke, einen Neubauern, eine Neulehrerin und viele andere. Die Erfahrungen, die er bei seinen Selbstbildnissen gesammelt hatte, flossen nun in solche Porträts anderer Menschen in einer neuen Zeit ein.
Der alte Maler

Vier Jahre vor seinem Tod malte er sich noch einmal selbst. Eigentlich sollte es ein zweiteiliges Bild werden, das den jungen und den alten Otto Nagel zeigt; doch das erste Bild blieb ungemalt. Dieses letzte große Selbstbildnis wirkt beinahe wie eine Lichterscheinung; es ist durchgeistigt, zeigt den alten Maler, seinen menschlichen Kern in großer Schlichtheit. Da sind Erinnerungen spürbar, eine tiefe Nachdenklichkeit, auch ein Ermüden. Das fahle Grau, das viele seiner Bilder vor allem aus den zwanziger und dreißiger Jahren durchzog, ist einer wärmeren Farbigkeit gewichen. Hier stellt sich der Maler in seiner eindringlichen, bescheidenen Menschenwürde vor. Dieses Bild lässt jene, die in den Formalismusdebatten der späten vierziger bis in die sechziger Jahre zu den Angegriffenen gehörten, daran denken, wie oft Otto Nagel versuchte, vor bornierter Kulturpolitik zu warnen.


Unvergessen

Es ist gut, an diesen Künstler zu erinnern. Am Geburtshaus in der Reinickendorfer Straße im Berliner Wedding und an seinem Wohnhaus in Berlin-Biesdorf finden sich Gedenktafeln. Drei Schulen tragen seinen Namen: ein Gymnasium in Biesdorf und Grundschulen in Bergholz-Rehbrücke und Schönewalde. Es gibt Otto-Nagel-Straßen in Berlin, Forst und Potsdam, wo auch ein »Otto-Nagel-Club« existiert. Der Maler wurde postum zum Ehrenbürger der Stadt Berlin ernannt. Umfangreiche Forschungen beschäftigten sich mit Leben und Werk; Bücher von Erhard Frommhold und Wolfgang Hütt schufen dafür in der DDR gute Grundlagen. Die von Otto und Walli Nagel verfassten Erinnerungen erschienen mehrfach. Seit 1973 gab es am Märkischen Ufer das Otto-Nagel-Haus, das als Teil der Nationalgalerie seinem Werk und proletarisch-revolutionärer Kunst gewidmet war; es wurde Mitte der neunziger Jahre geschlossen. 2007 schloss man auch die kommunale Otto-Nagel-Galerie in der Weddinger Seestraße. Doch es gab immer wieder Bemühungen, seine Kunst in der Öffentlichkeit zu zeigen: 2008 stellte das Mitte-Museum am Berliner Festungsgraben seine Werke aus, und 2012 gab es im Schloss Biesdorf in Kooperation mit der Akademie der Künste eine vielbeachtete Ausstellung.

Er ist nicht vergessen. Anlässlich seines 125. Geburtstages bildete sich im Berliner Stadtbezirk Marzahn-Hellersdorf Anfang Januar 2019 ein »Initiativkreis Otto Nagel 125«, der das Werk dieses Künstlers der nachfolgenden Generation nahebringen will. Ihm gehören neben kommunalen Einrichtungen und Vereinen auch Familienangehörige Otto Nagels und seine Meisterschüler Harald Metzkes und Ronald Paris an. Vom 21. Mai bis zum 4. August 2020 wird im Schloss Biesdorf als Höhepunkt aller Veranstaltungen eine umfangreiche Werkausstellung gezeigt werden. Im Mittelpunkt sollen Porträts des Malers stehen.
Anmerkung:

1 Walli Nagel: Das darfst du nicht! Erinnerungen, Halle/Leipzig 1981


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